Das (un)reine Gewissen

Eigentlich hätte der Titel heißen sollen: Wenn ER eine Reise tut …

Ich erlebe es immer wieder, dass ich von Herren angeschrieben werde, die in Beziehungen leben. Ihr Wunsch aus dem Alltragstrott auszubrechen und der Wunsch nach einem besonderen Abenteuer führt sie häufig zu mir. Ich habe damit kein Problem. Aber gelegentlich kommt es vor, dass sich sein Gewissen meldet.

So einen hatte ich.

Ein überaus charmanter, lustiger, fescher Mann – in einer festgefahrenen Beziehung lebend. Das Paradebeispiel eines Ausbrechers. Zuvor hatte er seinen Ausbruch immer nur virutell erlebt. Intensive Mailkontakte, heißmachende Nachrichten – alles schön im Kopf bleibend. Doch was passiert, wenn aus der Fantasie Realität wird? Was ist, wenn er spontan vor meiner Tür steht, mich anlächelt, ich hereinbitte und wir im Wohnzimmer wie zwei rattige Teenager knutschen … und er kann es wirklich sehr gut.

Dann kommt der Moment, wo er mich ansieht, ernst, aber auch schockiert. Hatte er sich diesen Moment anders vorgestellt? Einfacher? Emotionsloser?

Wir knutschen weiter, heftiger und seine Hände wandern. Wieder ein Bruch … er wirkt verwirrt, er kann vermutlich nicht glauben, was er da tut, mit mir und mit sich selbst. Zerrissen – zum einem einen Steifen in der Hose und das schreiende Gewissen in seinem Kopf. Diesen Moment, den er im Kopf bereits 1000 mal durchgespielt hat und im Geiste schon seinen Kopf zwischen meinen Beinen hat. Da ist er, dieser Moment, wo er realisiert, dass es kein Spiel ist, keine erotische Mail, keine seiner wunderbar formulierten Fantasien.

Ich tröste ihn, sage, dass das ok ist und dass er kein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Partnerin haben muss. Der Schritt war zweifelsohne mutig, denn heute erkannte er zum ersten Mal, dass er etwas ändern muss. Offenheit gegenüber sich selbst und seinen Wünschen, Offenheit gegenüber seiner Partnerin. Ich kann ihm diese Entscheidung nicht abnehmen.

Ich lasse ihn gehen …

Don’t touch

Vermutlich gibt es wenig Männer, die einfach nur kuscheln, die einfach nur die Nähe des Anderen genießen, ohne gleich ans Höschen zu wollen. Ich muss zugeben, als ich diese Erfahrung machte, dachte ich mir: Ist es möglich, sich so zu beherrschen und dennoch den Moment vollens zu genießen?

JA! Es ist möglich.

Engumschlungen, mit Kleidung zu kuscheln und gegenseitig zu streicheln, ohne den Intimbereich des anderen zu berühren oder zu küssen. Das Spannende dabei ist die intensive und intime Begegnung mit sich selbst. Dass selbst das im Arm gehalten werden eine tiefe Befriedigung auslösen kann und eine tiefe Zufriedenheit mit sich selbst. Selbstliebe wäre hier wohl das beste Wort. Es ist die Form der Geborgenheit, die vermutlich den Meisten fehlt. Wir sind getrieben durch unseren eigenen Anspruch, perfekt und leistungsfähig zu bleiben – wo bleibt der Moment um still zu stehen?

Kuscheln schafft den Moment des Ausstiegs aus dem Hamsterrad. Er nimmt und gibt alles. Den Moment mit dem Kuschelpartner. Man plaudert und ist sich nah – ohne Sex – um das klar zu stellen.

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung, denn sie eröffnet mir eine neue oder alte Form der Intimität. Es ist ein Seelenschmeichler … und sie waren wunderbar.