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Nachts

Heute Nacht hab mich mir eine Flasche Rotwein gegönnt. Ich hab nicht auf die Uhr geschaut, kann sein, dass es schon 2 oder 3 war. Keine Ahnung. Hab meine Bestien in den Vorraum verfrachtet. Was für eine Nacht. Die Luft … so rein und frisch. Ich schenke ein. Es ist kühl. Ich erhebe mein Glas … auf das Leben!

Bringe das Glas zu meinen Lippen. Und meine Gedanken verweilen im Glas. Wie süß du schmeckst. Der Wein berührt meine Lippen, rinnt in jede noch so kleine Falte meiner Lippen. Benetzt sie, mein Mund scheint förmlich den Wein aufzusaugen. Ich lächle. Ich schließe meine Augen, lege meinen Kopf auf die Rollstuhllehne.

Ich wünschte, ich könnte dieses behagliche wohlige Gefühl behalten. In mir herrschte eine Ruhe, die ich so lange suchte. Wie der Wein, der in meinem Glas hin und her schwappte und dann zum Stillstand kommt. Ich atme tief durch. Spüre, wie die Luft in meine Lungen dringt, jede Zelle erfüllt und mich innerlich wachsen lässt. Ich werde die Kraft brauchen, diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit. Ein harter Kampf steht mir bevor. Ich vertreibe meine Furcht mit Rotwein und der Nachtluft.

Ich verdränge den Gedanken an Montag, nein, ich will mich jetzt nicht belasten. Ich denke an meine Mutter. Bilder meiner Kindheit huschen an mir vorbei, wie streunende Katzen. Blicken mich mit ihren strahlenden Augen an. Höre ein paar Vögel, die wohl auch nicht schlafen können. Am Montag … seh ich sie wieder, meine Mutter, meinen Vater, meine Schwester. Meine Mutter … was soll ich ihr sagen. Mein Bedauern über meinen Stiefvater, der an Krebs erkrankt ist? Soll ich gar nichts sagen? Soll ich warten, bis sie es mir erzählt?

Was soll ich einer Frau sagen, die vielleicht ihren geliebten Mann verliert. Den Menschen sterben sehen, den man so liebt und so Vieles erlebt hat? Ein einfaches “Tut mir leid” reicht nicht. Jetzt … fühl ich mir ihr so nah. Auf eine sehr bizarre Weise. Ich bin ihr Kind, aber dennoch … bin ich eine Fremde für sie. Ich schenke noch etwas Wein ein. Halte das Glas gegen den Himmel. Die Sterne leuchten wunderbar.

Man kann nichts missen, was man nicht kennt. Aber ich vermisse sie … meine Mutter. Ich frage mich, ob sie mich je geliebt hat. War ich ihr Kind oder eine Freundin. Was für bescheuerte Gedanken. Ich nehme noch einen Riesenschluck, um diesen blöden Gedanken zu verdrängen. Ich hole tief Luft. Was vermisse ich eigentlich an ihr? Sie war nie da für mich. Sie hat sie nie um mich gekümmert. Wie oft hat sie mich allein gelassen. Sie hat mich belogen und keines ihrer Versprechen gehalten. Aber dennoch … ich vermisse sie.

Und dennoch … liebe ich sie.

Es wird kalt. Ich hab die Flasche erfolgreich geleert. Ich seh auf die Uhr. 4 vorbei. Ich atme noch mal tief durch. Das Leben kann so wunderbar sein. Ich liebe diese Momente der absoluten Ruhe. Dieser Schlaf wird ruhig sein und meine Gedanken werden spätesten Morgen ins Klo gespült.

Gute Nacht Welt!

Geschrieben Juli 2002

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