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Einleitung

1974 erblickte ich das Licht der Welt und wurde sofort in Richtung Brutkasten verlegt. Also nix mit Mutterbrust und erste Bindung. Der Schock war groß, als der liebe Vater erfuhr, dass er noch eine Tochter hat und die ganz und gar nicht nach seinen Wünschen geraten ist. Wir lebten damals noch in einer zwei Zimmer Wohnung, Klo und Warmwasser gab’s am Gang. Kakalaken und Pillendreher bezahlten brav Miete bei uns. Eine Gemeinschaftswaschmaschine für zwei Familien. Ich würde mal sagen, dass es damals als normal galt, wenn mal der eine Nachbar zu uns kam und sich Schifahren angeschaut hat. Wir hatten nie viel Geld … zumindest hatten wir Kinder nie was davon. Ich verbrachte die meiste Zeit meiner Kindheit im Krankenhaus Stolzalpe.

Die Krankenschwestern waren für mich Eltern. Ich gehörte dort schon zum Inventar. Die Kinder bekamen immer Besuch von ihren Eltern, meine kamen nie … Die Eltern der Kinder mochten mich sehr und fragten sich immer, wie man so ein entzückendes Mädchen alleine lassen konnten. Ich wusste schon damals keine Antwort drauf. Aber ich lernte, dass es viel einfacher ist, jemanden von sich weg zu stoßen, als einen Menschen an sich ran zu lassen. Das war wohl eine meiner ersten Lektionen, die ich lernen sollte. Meine Mutter vergaß mich oft im Krankenhaus abzuholen. Einmal war es so schlimm, dass ich nicht mit ihr mit wollte. Ich war der Meinung, dass ich eine andere Mutter hätte. Ich hab sie doch glatt vergessen. Meine Schwestern sind älter als ich und ich glaube, dass sie es am schwersten hatten. Die Unverantwortlichkeit meiner Mutter und die Wutanfälle meines Vaters. Vielleicht war gerade meine Behinderung mein Segen, dass mich mein Vater nicht all zu oft schlagen konnte … Im Nachhinein denk ich, dass es wohl so kommen musste.

Jetzt wenn ich mich an früher erinnere, sehe ich viele Bilder. Ich erinnere mich an die Nacht, als ich ganz allein war. Ich war 5, ich lag ihm Ehebett, alles war finster. Ich hab immer laut nach Mama gerufen, aber Keiner hat geantwortet. Meine Schwestern waren auch nicht da. Kein Vater, keine Mutter … nur ich in der Dunkelheit. Ich kann mich noch erinnern, dass ich sehr viel geweint habe in dieser Nacht. Ich hab mich noch nie so einsam und verloren gefühlt. Keine Ahnung, wie lang ich alleine gewesen bin, aber das Gefühl werde ich mein lebenlang nicht vergessen können. Diese Lektion lernte ich auch schnell. VERLASS DICH AUF NIEMANDEN! Und das hat sich bisher immer bewährt.

Meine Mutter spricht nicht viel von der Vergangenheit, sie hat Vieles verdrängt. Jedoch weiß ich, dass sie meinen Vater nie geliebt hat. Sie war mit meiner ältesten Schwester schwanger und wollte nicht noch ein uneheliches Kind gebären. Also hat sie geheiratet, noch 2 Mädchen bekommen, sich scheiden lassen, wieder geheiratet und hat sich unabhängig gemacht. Ich würde mal sagen, dass wir kein Mutter-Tochter-Verhältnis haben. Eher ein Bekannstaftsverhältnis. Erst jetzt wird ihr klar, was aus mir geworden ist, nach 27 Jahren kann sie zum ersten mal zugeben, dass sie viele Fehler gemacht hat und dass sie keine Mutter war. Ich glaube ihr und verzeihe ihr. Jetzt kann ich es, da ich selbst erwachsen bin … aber dennoch ihr Kind.

Das Verhältnis zu meinen Schwestern ist sehr gespalten. Meine älteste Schwester mochte mich nie besonders. Sie befürchtete wohl ihre Schatzi-Position bei meinem Vater. Doch er mochte mich genauso wenig, ich war eher mehr ein Nutzen, als sein Kind. Meine älteste Schwester war/ist seelisch sehr labil. Sie war schon im-mer sehr zornig und unausgeglichen. Sie ist sehr clever, aber ein Miststück, wie es im Buche steht. Sie hat stets versucht, aus Allem ihre Vorteile zu ziehen. Ich weiß nicht, wie oft sie versucht hat, ihr Leben zu beenden. Einmal war ich dabei, da hatte sie wohl ein paar Pillen zu viel geschluckt.

Ich konnte dann nur noch meine Tante anrufen. Den meine lieben Eltern waren wie immer … nicht zu Hause. Es war immer leicht, die Verantwortung jemanden Anderen zu zuschieben. Es war auch leicht, die Schuld jemand Anderen zu geben. Meine mittlere Schwester … sie und ich haben immer miteinander gespielt. Ich hab sie oft in meine Phantasiewelt entführt und wir haben immer miteinander gespielt. Sie hat oft die Rolle der Mutter ersetzt. Vor allem nach der Scheidung musste sie den Haushalt führen. Ich war noch in der Schule, meine älteste Schwester war Lehrling. Es war für uns Alle eine schlimme Zeit, die wir uns nicht mehr herbei wünschen.

Die Volksschule hab ich eigentlich in Judenburg begonnen. Ich die Einzige Behinderte in meiner Klasse. Ich war echt ne schlechte Schülerin, ich hasste Mathematik, Lesen und Schreiben. Ich wollte spielen, malen, zeichnen und basteln. Ich wollte, dass mir die Lehrerin vorliest. Ich wollte nichts lernen. Meine Mutter erzählt mir Heut noch, dass ich mein Mathebuch der Lehrerin nach vor geschmissen hab und ihr sagte, sie könne das selbst rechnen, ich hätte keine Lust zu. Naja … ich wusste halt schon damals, was ich NICHT mochte. Freundschaften zu knüpfen war für mich auch sehr schwer. Meine Lehrerin war ne kleine ältere Dame und stand kurz vor ihrer Pension. Sie hatte mich sehr gern und machte sich immer Mühe, mir das Schulleben so leicht wir möglich zu machen. Eine wunderbare starke Frau. Sie ging mit mir immer auf Klo und behandelte mich, als ob ich ihr Kind wäre. Sie wäre bestimmt stolz auf mich … da bin ich mir sicher. Schlimm … ich kenn nicht mal mehr ihren Namen. Namen konnte ich mir schon nie merken, mir war die Person wichtiger als irgend welche Namen.

Nach dem die liebe Lehrerin in Pension gegangen war, bekam ich ne neue Lehrerin und sie mochte mich ganz und gar nicht. Sie tat alles, um mein Leben dort zu erschweren. Sie war wohl sehr unzufrieden mit sich selbst. Dann wurde ich nach Graz gebracht und machte dort meine ersten Erfahrungen in einer Gruppe. Das Internat war früher mal ein Kloster, dann ein Heim für schwer erziehbare Mädchen und dann ein Internat mit Schule für körperbehinderte Kinder und Jugendliche. Die neun Jahre waren wohl die härtersten Jahre meines Lebens. Hier wurde mein Grundstein für meine Zukunft gelegt … na ja … was nicht bedeutet, dass es auch sinnvoll war. Ich konnte nichts, weder mich anziehen noch zu entscheiden, was richtig oder falsch war. Ich war nur ein sozialschwaches Kind. Ich kann mich noch an meinen ersten Tag erinnern. Ich war so froh von zu Hause weg zu sein. Ich kannte das Wort Heimweh nicht. Alles war so Neu … so fremd und galt es zu entdecken.

Ich war ein sehr störrisches und wildes Kind … sehr wütend … aber auch sehr klug. Ich war ein Hosenscheißer der klassischen Art, fürchtet mich vor Allem und Jedem. Aber meine kindliche Neugierde hat immer gesiegt. Wir hatten tolle Erzieherinnen und sie versuchten uns eine Selbständigkeit an zu erziehen, die es uns möglich machen sollte, Entscheidungen zu treffen. War natürlich die harte Schule, die man Leben nannte. In meiner Gruppe waren hauptsächlich schwerst körperlich und geistig behinderte Kinder. Ich war die Einzige, die geistig gesund war. Ich fühlte mich aber nie als Außenseiter, ganz im Gegenteil, ich war ein Teil von einem großen Stück. Ich war ein Mitglied einer Gruppe von Kindern, die besonders waren. Es war mir egal, ob sie weder schreiben noch lesen konnten. Ob sie sich artikulieren konnten oder nicht. Das war damals nicht wichtig. Es war wichtig eine Familie zu haben … und die hatte ich.

Die Jahre vergingen und ich wurde zu einem Teenager. Verliebte mich … hatte meinen ersten Freund … der erste Kuss, der übrigens super ekelhaft war. Und viele Streiche, die wir uns untereinander spielten. Freundschaften, Liebeskummer, Konzerte, Theater … es wurde zu einem Teil von mir. Ich merkte relativ bald, dass ich das Leben, das ich hatte viel besser und ausgefüllter war, als das meiner Schwestern. Auch in der Schule wurde ich zu einer großartigen Schülerin. Jedoch waren wir abhängig, von Ärzten, Lehrern, Erzieherinnen und Therapeuten. Das Internat war ein Getto. Doch bald sollte ich diesem Gefängnis entfliehen können.

Mehr oder weniger freiwillig gingen Einige meiner Klassenkollegen und ich nach Wien. Was für eine Riesenstadt. So viele Menschen der unterschiedlichsten Kulturen, Sprache, Religion und Geschichten. Die Stadt erschien mir grenzenlos. Und wieder war ich in einem Internat. Aber es war anders. Ich war nicht mehr die Einzige, die geistig gesund war … nein … Alle waren es … da ich die Älteste in meiner Gruppe war, wurde ich auch so behandelt. Unsere Erzieherinnen legten uns die Heimvorschrift und das Jugendschutzgesetzt vor und wir hielten uns fast immer daran. Wir waren Teenager und die Welt war plötzlich da und galt entdeckt zu werden. Meine Güte, wenn ich daran denke, wie oft ich verliebt war, dann muss ich lachen … und die Körbe, die ich kassiert habe … ich könnte einen 3.-Welt-Laden aufmachen, so viele waren es.

Ich würde mal sagen, dass ich ein sehr … schwieriger Teenager war. Mit viele Träume und die Pubertät hatte mich vollkommen eingenommen. Mit 19 bekam ich Pickel, ich sah aus wie ein Streuselkuchen. Die Regel bekam ich mit 16 und glaubte, daran zu sterben. Das Leben war für mich interessanter, als die Schule … ich hasste die Schule, das Lernen und die Aufgaben. Das ist auch der Grund, warum ich sitzen geblieben bin. Angst vor der Zukunft, Hoffnungslosigkeit, keine Perspektiven. Jedoch war ich immer sehr engagiert. Ich hatte einen sehr stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich glaube auch, dass ich ein sehr zorniger Mensch war, aber ich tobte nicht rum, sondern ich war schnippisch und oft sehr giftig … und unheimlich ungeduldig.

Mein erster Lokalbesuch, mein erstes Bier in Freiheit … das waren Dinge, an die ich mich gerne erinnere. Ich hatte während der ganzen Schulzeit keinen Freund … nicht, dass ich Keinen wollte, aber mich wollte Keiner. Es war einfach noch nicht die richtige Zeit dafür. Ich fühlte mich damals noch nicht als Frau … ich stellte meine Behinderung über meinem Geschlecht. Wie sollte man da noch eine Frau erkennen? Und wir wissen ja, wie Teenager sind. Die Hormone sind mal schnell in Wallungen und da muss es schnell gehen. Ich war ein ganz normaler Teenager und das war auch gut so.

Ich möchte nicht noch mehr schreiben, was war, denn Fakt ist, dass dies alles ein Teil von mir ist. Und dass du sehen sollst, welchen Start ich hatte. Jetzt bin ich 27 und habe Vieles nicht geschrieben, was mir wiederfahren ist. Als ob es einen Unterschied zu dem machen würde, was ich jetzt bin? Ich habe stets versucht, das Beste aus allem rauszuholen, ob es nun ein alter Computer war, oder ob es meine Leidenschaft für Irland ist … ob es meine Art ist, Leute mit Komplexe zu entwaffnen. Ich weiß es nicht. Ich kann es dir nicht sagen.

Aber jeden Tag, an dem ich aufwache, frag ich mich, ob ich hier richtig bin, ob ich das was ich tue auch seinen Zweck erfüllt. Und wenn ich dann ganz tief in mich hinein höre … dann antworte ich mir … JA, du bist hier völlig richtig. Manche Leute fragen mich, ob ich jemals Glücklich war. Ja, aber nur, wenn Keiner bei mir war. Ich war als Kind schon sehr kreativ und voller Wissensdurst und das hat sich bis Heute nicht geändert. Ich bin hungrig nach Leben und wenn ich mich nähre, dann wachse ich an Erfahrung und Weisheit.

Denn das Glück gebäre ich …

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