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Arbeitsfrust

Ja, auch darüber kann man schreiben. Und sie ist berechtig. Ich habe zwar erzählt, was die offensichtlichen Gründe meines Auszuges nach Wien waren, aber es gab noch viel mehr, was schlussendlich dazu führte, dass ich ging. Ich weiß nicht, ob es an den charmanten Menschen lag, mit denen ich gearbeitet hab, oder der Umstand, dass ich in Judenburg nicht alt werden wollte. Aber dennoch waren es die kleinen unscheinbaren Szenarien, die sich mir boten, dass mich ja zum Umzug bewog.

Vor meinem Umzug arbeitete ich als Lagerarbeiterin in einer “großen” Firma. Chef davon war ein alter Mann, der jedoch – in Anbetracht seines hohen Alters – sehr rüstig war. Ich fragte mich oft, was den Mann so jung hielt? War es seine nervende und dümmliche Frau? Oder seine ständig fordernde Tochter – oder war es beides und er steckte seine gesamte Energie in seine Arbeit um das Leben seiner Frau und seiner Tochter zu finanzieren oder um sich bequem abzuseilen, denn er selbst schien sich selten was zu gönnen.

Ich fand ihn übrigens sehr sympathisch, er erinnere mich an meinen Opa, jedoch war mein Opa ein sehr dominanter Mann und mein Ex-Chef eher alltagsdevot. Vielleicht hätte er sich öfter mal was gönnen sollen, dann wäre er in vielerlei Hinsicht ein ausgeglichenerer Mann gewesen. Ich schätzte seine korrekte Art, jedoch was den Umgang mit Kollegen bzw. Angestellten betraf, hatte er keine Ahnung. Er hätte doch mal eine Schulung machen sollen – nach dem Motto: “Wie wirke ich auf meine Untergebenen nicht all zu lächerlich”, denn das war er.

Er war die Witzfigur seines Ladens und er bekam nichts mit. Alle Leute krochen in seinen nichtvorhandenen Hintern und er begriff überhaupt nicht, wie ihn eigentlich die anderen verachteten und auslachten. Entweder war es seine altertümliche Mode oder sein Mundgeruch – es gab auf alle Fälle immer was zu lachen. Ja und man vergesse nicht seine hochintelligente Frau. Wie beschreibt man eine Frau, die mit so schlechtem Geschmack und so geringem Verstand geschlagen war? Ganz einfach: Sie hatte das Glück einen so schlechten Geschmack zu haben, der ihre modischen Ausrutscher von ihrer Dummheit ablenkte.

Und dann behauptete sie immer, sie war beim Kosmetiker. Ich würde den Mann verklagen. Einmal trug sie ein schwarz weiß gepunktetes Kleid und ich war der Meinung, das Ding hat sie sicher aus der Altkleidersammlung geholt, aber sie prahlte mit ihrem “Designerstück”. Auf die Frage, wie ihr das Kleid stünde, antworteten ihre Sklaven (und das waren wir ja nun mal): “Toll, Frau Chef, dassteht ihnen einfach klasse!” – bis auf die Tatsache, dass sich ihre roten kurzen Haare mit dem Kleid so unheimlich harmonierte, dass das Ganze nur noch unheimlich wirkte.

Aber als Sklaven hatten wir ja kaum Rechte, sie in irgendeiner Weise zu kritisieren. Einmal stellte sie im Speiseraum so einen Heuhahn aus China vor und erklärte, dass er mit der Hand gemacht wurde. Ich äußere kleinlaut: ” Ja, viele kleine Kinderhände!” darauf war sie nicht gefasst und meinte, dass diese Ding nicht von Kindern hergestellt wurden. Ja, war sie denn dabei? Der Frau konnte man alles weiß machen. Ich frage mich auch ernsthaft, wie diese kalte Frau ein Kind gebären konnte – und vor allem, wie es gezeugt wurde.

Immerhin war sie ja um einige Jährchen jünger als der Big Boss. Wer weiß, ob’s nicht von einem andern war. Es wurde ja gemunkelt, dass die Gute nicht mal ihr eigenes Kind gewickelt hat, sondern das die Versorgung des Kindes auf den Schultern des Chefs lag. Traurig, aber immerhin ist ein Stammhalter da, auch wenn’s nur ein Mädel ist. Frau Chef war halt mit anderen Dingen beschäftigt – Kosmetik- und Boutiquebesuch. Angeben, Image aufbauen … ja, das kostet Zeit, da hat man einfach keine Zeit mehr für Kind und Mann. Verständlich – nicht wahr? Ja und man erzählte sich lustige Geschichten von diverse Firmenfeiern, wo sich Frau Chef äußerst ausgelassen benommen hat. Aber, aber … das gehört sich doch nicht. In allem war sie auf alle Fälle immer für einen Lacher gut. Ob es ihr nichtvorhanden von Intelligenz oder ihr noch weniger vorhandenen Manieren oder überhaupt nicht vorhandenen Geschmack betraf, war sie der Witz Numero Zwei in dieser bedeuteten Firma.

Die Tochter war da schon ein wenig anders. Sie war zwar genauso geldgeil wie ihre Frau Mama, aber sie hatte zumindest Ziele und ihre Träume und versuchte sich auch durchzusetzen. Als ich sie kennen lernte, war sie eben 14 und sie war eine typische 14jährige. Laut, nervig und manipulierbar. Ihr Vater versuchte viel mit ihr zu unternehmen, aber durch die Arbeit hatte er kaum Zeit. Deshalb stellte er Kindermädchen ein, bis sie alt genug war um eine Mikrowelle zu bedienen.

Und wenn es keine Kindermädchen waren, schoben sie ihre Tochter an Mitarbeiter ab, die dann die Aufgabe hatten (natürlich nur gegen Bezahlung) den Nachmittag mit ihr zu verbringen. Man merkte schon, dass sie bewusst den Kontakt zu den Angestellten suchte und auch um Anerkennung haschte. Aber keiner nahm sich wirklich Zeit für sie – sie tat mir leid. Sie hatte zwar alle materielle Dinge, aber keiner brachte ihr bei, wie man mit Menschen umging. Ich glaube, dass sie sehr oft einsam war und deshalb auch in ihrer Art so anstrengend. Keiner mochte sie recht. Sie wurde nur deshalb geduldet, weil sie eben des Chefs Töchterlein war. Eigentlich sehr traurig. Ich weiß auch gar nicht, ob sie jemals Freundinnen hatte. Aber sie war ein Pferdenarr und ich glaube, dass sie dort die Anerkennung, die sie von ihren Eltern nicht bekam.

Als Assistent war da ein recht groß wirkender Mann. Ein durch und durch unsympathischer Mann, der sich nur dadurch auszeichnete, dass er es immer wieder schaffte, seine Untergebenen wie Idioten dastehen zu lassen – um von seinen eigenen Fehlern abzulenken. Er war mir von der ersten Minute an nicht geheuer. Er kam mir unheimlich link und falsch vor und dass er keine bedenken hätte, den Chef in irgendeiner Weise zu betrügen – vielleicht hat er das ja schon getan? Er erzählte immer ganz stolz, dass er bereits in ganz großen Firmen gearbeitet hat – naja, warum ist er dort nicht geblieben, anstatt in ein Provinznetz zu gehen und bei einer mittelmäßigen Firma den Großen rauszulassen. Wer nahm ihn das nur ab – keiner, denn er war meine Witzfigur Numero drei.

Die Dame, die für uns Fußabstreifer zuständig war, also ihre Zuständigkeit fiel in unserem Bereich (Abpackung und Hochlager) … eine kleine herrschsüchtige, unbefriedigte und unzufriedene Person. Ich fragte mich immer, was die Frau bewog in diese Firma arbeiten zu gehen. Hatte sie vor eine steile Karriere zu machen? Naja, das mit dem Hochschlafen war ja wohl nix. Aber sie hatte ihre Heerscharen um sich versammelt. Es bestanden hauptsächlich aus Damen, die einen Bildungstand eines Hauptschülers hatten und kaum einen Satz sowohl rechtschreibtechnisch als auch grammatikalisch richtig zu schreiben.

Ich weiß nicht, wie die eine Dame hieß, die ihre Augen zum Kreuzschnapseln benutzte, aber ihre Haare saßen immer perfekt. Naja, jeder legt eben seinen Schwerpunkt an andere Stellen. Die Einen bilden sich fort, die anderen gehen einmal in der Woche zum Frisör. Sie war wie eine Natter, bissig und angreiflustig. Ich mochte sie nicht und das merkte sie auch. Mit ihr zu arbeiten war ungefähr genauso wie an der Donauinsel das Klo zu schrubben. Also äußerst stinkig. Dame Numero zwei war eine sehr ruhige und stille Person. Sie war sehr devot und man merkte auch, dass sie sehr um die Anerkennung von dieser cholerischen Frau rang. Ich hatte mit ihr relativ wenig zu tun, aber sie war mir noch am angenehmsten.

Ich denke, dass sie sehr unter der Knute von den beiden bissigen Weibern litt und dass sie sehr unglücklich war. Warum suchte sie sich keinen anderen Job? Sie hatte doch die Qualifikation? Man muss nur lange genug einem einreden, dass er nichts kann, dann glaubt er das auch. Ja, und ich wette, dass es Vielen so ging. Geringes Selbstwertgefühl und ein Drachen, der dafür sorgte, dass es auch so bleibt. Überlegt hab ich oft, was hinter so einer Frau stecken könnte. Wie war wohl ihr Privatleben? War sie glücklich? Hatte sie Freunde?

Ich glaube, dass ihr Kontakt zu anderen Leuten nur darin bestand, wenn sie damit prahlen konnte, dass sie wiedermal in der Firma Recht hatte und andere unrecht. Sie machte sich einen Sport daraus ihre Arbeitkollegen zu drangsalieren. Sie fand Gründe genug. Aber ihre “Lieblinge” waren vor allem die ausländischen Kollegen, die im Hochlager arbeiteten. Sie scheuchte die Männer herum, schrie sie an, kommandierte, wie es ihr gefiel. Keiner der Arbeiter hatte jemals den Mumm ihr die Stirn zu bieten, dafür war ihr Deutsch zu schlecht und sie fürchteten um ihren Job.

Sie verdienen zu wenig um ihre Familien zu ernähren und arbeiteten meist mehr, als die meisten anderen Arbeiter. Ich bot der Dame sehr oft die Stirn, deshalb konnte sie mich nicht leiden. Ich habe mich ihr nie untergeordnet und das wusste sie. Sie hatte keinen Respekt oder war jemals höflich. Ihr ging es sicher nur um die persönliche Bereicherung und um die Macht, die sie ausübte. Sie kroch dem Chef oder seinem Assistenten in den Arsch und uns machte sie fertig. Sie meinte oft, dass sie eine hohe Verantwortung zu tragen hätte – daran gab’s keinen Zweifel – aber die Frage ist doch: Wie behandle ich meine Leute um ein besseres Arbeitsklima zu schaffen? Tja, diesbezüglich hatte sie versagt.

Vielleicht ist es ja auch so, dass sie ihren privaten Frust auf ihre Mitarbeiter ablud. Denn zu Hause schien ja alles andere als ok zu sein. Vielleicht hatte sie einen Mann, der lieber Abends mit seinen Freunden ein Bier trinken geht, als bei der Familie zu sein. Es gab wohl hundert Gründe dafür ein Arschloch zu sein, aber wohl kein einziger um sich fair zu verhalten. Man kann behaupten, dass sie die meistgehassteste Person in unserer Firma war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es eine Person gab, die meinte, dass sie rein menschlich gesehen eine warmherzige und liebe Person war. Zumindest war mir ähnliches nicht zu Ohren gekommen.

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